AUSZUG

I

Ich habe schlecht geschlafen, ich merke, wie verkatert ich bin, mein Mund ist trocken, mein Kopf ist taub und ich wundere mich, dass ich überhaupt geträumt habe, und auf dem Weg ins Bad bleibe ich an ein paar Seiten Papier hängen, auf die jemand Rotwein verschüttet hat und in denen es um die Ängste irgendeines verunsicherten Mädchens geht. Bevor ich dusche, sehe ich mich im Spiegel und ich stelle fest, dass ich dennoch verdammt gut aussehe, und ich bin nicht nur hübsch, sondern auch interessant. Da ist die Intensität der bernsteinfarbenen Augen. Sie starren mich an, als kämen sie aus einer anderen, universelleren Zeit. Ich wende meinen Blick ab, um mich erneut anzusehen. Meine obsidianfarbenen gewellten Haare rahmen mein Gesicht, dem man die Nacht ansehen kann, ohne dass es dadurch etwas von seiner Makellosigkeit eingebüßt hätte, bewahrend wie die goldbeschichtete Einfassung eines Gemäldes. Schattierungen umranden meine Augen wie die Tragik eines Paris von Troja oder Dorian Grays. Fragilität, die sich erst zeigt, wenn man mich zum zweiten Mal ansieht, Sensibilität, die nur die zu Gesicht bekommen, die es verdient haben. Das alles verwirrt mich.

Wahre Schönheit ist komplex. Paris, der von ihr geblendet wurde und alles verlor, Dorian, den die Vergangenheit zerfressen hat und der genau wusste, dass seine Schönheit auf einer Lüge beruht, Narziss, der vergaß, wie die Welt außerhalb des Wassers aussieht. Delon,über den man gesagt hat, dass er mit seiner Schönheit zu kämpfen hatte, weil sie etwas war, dass er selbst nie fassen konnte und der sich Jahre lang nicht männlich genug empfand (und drei Jahre als Fleischer arbeitete, bevor er Schauspieler wurde). Marlon Brando, mit dem ich, außer unterschiedlichen Biografien vieles gemeinsam habe, vor allem mit seiner Rolle des Kowalskis in Endstation Sehnsucht. Heath Ledger, der an einer Überdosis verstarb, weil er sich zu sehr in eine Rolle reingesteigerte, oder einfach die Sinnlosigkeit sah, die diese Welt konstruiert hat, was das gleiche ist zu sagen, dass er die Notwendigkeit spürte.Dorian, Paris, Marlon, Alain, sie alle haben eines gemeinsam und darin unterscheiden wir uns. Sie leben nicht mehr.

Das alles verwirrt mich und ich zünde mir eine Zigarette an, während ich meine Augen noch mehr Blick werden lasse, bis nichts mehr von ihrer bernsteinhaften Farbe bleibt. Der Rahmen des Spiegels und die Wand dahinter verschwinden, meine Wangenknochen treten in regelmäßigen Intervallen hervor (wie ein Aufzug, dessen Türe blockiert) und ich stelle mir vor, wie ich selbst an Kontur verliere und lasse mich treiben, bis mir jegliches Zeitgefühl entgleitet und ich nicht mehr sagen kann, wie lange ich hier stehe. Irgendwann gehe ich duschen. (Wohin willst du fahren, Lucien, rauf oder runter, in welchen Stock?)

Meine Haare sind noch nass, als ich mich ins Bett lege und meine Nachrichten öffne, das postmoderne Girl hat wieder geschrieben. Diesmal inszeniert sie den zwanghaften Impuls, von mir gefickt zu werden als Einladung in die Wohnung ihres Bruders, der auf einem Business Trip ist. „Pool und so viel Champagner wie wir nur wollen.“ Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass nicht sie, sondern ihr krankes Unterbewusstsein die Nachrichten tippt, das sich dabei vorstellt, wie wir uns über den Beckenrand beugen und zusehen, wie unser Antlitz im Chlorwasser verstreicht: Eine junge Nymphe mit einem zeitgenössischen Sexsymbol am Pool eines Luxusappartement. Narziss, der mit zwei Flaschen Champagner intus im Pool ersäuft, weil er ihr Gerede nicht mehr erträgt. Wenn Narziss zur heutigen Zeit leben würde, wäre er vermutlich freiwillig ertrunken. Ich stelle mir vor, wie irgendwelche postmodernen Flittchen Fotos mit Narziss machen und ich verstehe, warum er seine Verehrer abgewiesen hat. Nicht, weil er grenzenlos selbstverliebt war, sondern weil er niemanden fand, der seinen Vorstellungen entsprach und er dann eben sein eigenes Bild an dessen Stelle setzte. Narziss ist nicht von Anfang an in sich selbst verliebt, es gibt nur niemanden sonst, in den er sich verlieben könnte, also geht er zu diesem Gewässer und wiederholt die Vergangenheit „Echo“ und nicht im Wasser ertrinkt er, sondern in der Stille seines Portraits. Sein Versuch war zum Scheitern vorurteilt. Ein Spiegel hat zwei Seiten und nur eine ist sichtbar. Narziss verliebte sich in den Teil, den er sah, und dabei beschmutze er sich. Er ertrank an seiner eigenen Scheiße. Wie können wir jemanden vollständig lieben, ohne unseren eigenen Rücken zu sehen? Meine Hand gräbt sich in meine Schulterblätter, als ob dort ein tieferer Sinn verborgen läge, ich sage dem postmodernen Girl ab. Vielleicht müssn wir tatsächlich ertrinken, um den Spiegel von der anderen Seite her zu betrachten und vielleicht sollteauch ich tot sein. Denn das würde heißen, dass ich wiedergeboren und in einer anderen Zeit leben könnte, und im Madrid der 80er Jahre oder New York der 90er, von mir aus Buenos Aires 2050, aber nicht im Berlin der Gegenwart Koks und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich ziehen würde. Aber ich bin nicht tot, ich bin jung und lebendig, mein Puls ist gleichmäßig und stark (nur ab und zu kommt er aus dem Rhythmus). Um mich herum ist es merkwürdig still. Ich zähle die Anruftöne, die es braucht, bis ich realisiere, dass Lorena nicht antworten wird.

II

In meiner Tasche ist noch das Foto von Danny und mir. Ich hatte es beinahe vergessen. Das Bild ist alt und zeigt uns in einem Rapsfeld. Wir müssen stoned sein und blicken direkt in die Kamera, oder vielleicht schauen wir über sie hinweg, in die gelben Kolben, die wohl unserer Zukunft entsprechen. Mir wird bewusst, dass ich vergessen habe, wie es sich anfühlt stoned zu sein und wie Rapsfelder riechen, denn das war lange, bevor wir nach Berlin gezogen sind. Aber nicht das ist es, was mich aus dem Konzept bringt; weder, dass wir beide so jung aussehen; noch, dass ich keine Ahnung habe, wer das Foto gemacht hat. Was mich fertig macht, ist, dass Daniel auf dem Foto lacht. Daniel lacht. Er sieht glücklich aus und scheint unbeschwert. Der Himmel ist tiefblau. Daniel lacht. Mein Blick fällt auf dieses Foto und etwas in mir zerbricht.

Ich frage mich, ob die Dinge sich anders entwickeln hätten können. Wenn meine Eltern sich nicht getrennt hätten, wenn Fabienne nicht versucht hätte, sich umzubringen. Wenn wir niemals Kokain ausprobiert hätten und ich Lorena niemals kennengerlernt hätte, aber das verläuft im Nichts und fühlt sich zwecklos an.

Als Produkt meiner Umgebung schien meine Traurigkeit nur die Resonanz einer lethargischen Starre zu sein, die von allen, die ich kannte, Besitz ergriffen hatte. Ohne, dass wir die geringste Ahnung hätten, woher diese Traurigkeit kam, ohne die geringste Chance das Gefühl der Sinnlosigkeit auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Irgendwann war sie da gewesen, wir waren mit ihr aufgewacht, und es war völlig gleichgültig, ob wir damit geboren waren oder sie irgendwann aufgetaucht war.Die Sache war von Anfang an viel zu groß für uns, alles dreht sich nur weiter und wir können nichts anderes tun, als stumm zuzuschauen, wie wir langsam älter werden und sich alles weiterdreht, ohne dass wir die geringste Ahnung hätten, worum eigentlich.

Am Ende des Parks stehen zwei Jungen über einen Gehweg gebeugt. Als ich mich nähere, erkenne ich ein Vogel, der aus seinem Nest gefallen sein muss. Ein Bein des Vögelchens ist gebrochen, und steht merkwürdig ab. Sein Brustkorb hebt und senkt sich sehr schnell.

„Es lebt noch“, sagt einer der Jungen.

„Ja…“, sage ich, langsam. Auch Danny und ich waren mal jung. Diese Einsicht hat etwas Surreales an sich. Ich stehe vor den beiden und muss mich zusammenreißen, während ich denke, wie seltsam alles ist; dass es immer noch Kinder gibt und weiterhin Kinder geben wird und man selbst kein Kind mehr ist und irgendwie macht mich das wütend und ich spüre den merkwürdigen Drang, den Jungen mit den blonden Locken zu packen und ihm ins Gesicht zu schlagen.

„Wir können es mitnehmen und pflegen, vielleicht wird es dann wieder gesund“, sagt er. Keine Ahnung, was er von mir erwartet.

„Vergiss es“, höre ich meine Stimme sagen, „morgen ist es so oder so tot. “ Gedärme beflecken die Sohle des italienischen Leders, als ich meinen Fuß auf den Vogel setze. Als mich wegdrehe, habe ich das Gefühl, diesmal etwas wirklich Böses getan zu haben.